Ergebnisse stationärer psychosomatischer Rehabilitationsbehandlungen in der Klinik Schömberg

Förderer: Karlsruher-Sanatorium AG

Projektleitung: Dr. Jürgen Schmidt (damaliger Leiter der Abteilung Qualitätssicherung und Evaluation der Karlsruher-Sanatorium AG), Prof. Dr. Friedhelm Lamprecht (damaliger Ärztlicher Direktor der Klinik Schömberg), Kooperationspartner: Prof. (em) Dr. Werner W. Wittmann, Universität Mannheim (damaliger Lehrstuhlinhaber für Methodenlehre, Diagnostik & Evaluation)

Laufzeit: 1983 - 1988

Indikation: Psychosomatik

Themen: Behandlungsergebnisse (Katamnese nach 1 und 3 Jahren)

Hintergrund

Bis etwa Mitte der 1980er Jahre gab es in Deutschland  kaum systematische Untersuchungen über die Effektivität von stationären psychosomatisch - psychotherapeuti- schen Behandlungen in sog. psychosomatischen Reha - Fachkliniken. Dieses Faktum stand konträr zur damals ständig wachsenden Inanspruchnahme und der damit verbundenen Versorgungsrelevanz dieser Einrichtungen. Die "Zauberberg-Studie", durchgeführt in der analytisch-tiefenpsychologisch orientierten Fachklinik Schömberg (Baden-Württemberg), war eine der ersten Effektivitätsstudien in diesem Versorgungsbereich. Sie stellte historisch einen "Meilenstein" in der Beforschung der  "psychosomatische Rehabilitation" dar und hatte Vorbildcharakter für viele nachfolgende Studien.

Ziele und Fragestellungen

Die Studie überprüft die kurz- und längerfristigen Behandlungsergebnisse von Patienten, die im Jahr 1983 in der Klinik Schömberg behandelt wurden. Im Zentrum stehen die Ergebnisse von zwei Nacherhebungen (Katamnesen), die 1 und 3 Jahre nach der stationären Behandlung durchgeführt wurden. Untersucht wurden dabei sowohl "subjektive" Veränderungen des Gesundheitszustands und der Befindlichkeit als auch über Vorher - Nachher - Vergleiche "objektive" kostenrelevante Kriterien (z. B. AU - Zeiten, Krankenhaustage, Häufigkeit von Arztbesuchen).

Studiendesign

Durchgeführt wurde eine naturalistische SGPP-Längsschnittstudie mit vier Messzeitpunkten (A = Aufnahme, E = Entlassung, K1 = 1 Jahr nach E, K2 = 3 Jahre nach E).  Ausgangsstichprobe umfasst n = 364 Rehabilitanden. Die Studie basiert im Wesentlichen auf Selbstangaben der Patienten. Die Messinstrumente beinhalten standardisierte Fragebögen (z.B. FPI, Gießen-Test) und selbstentwickelte Katamnese - Fragebögen. Während durch die erste Nacherhebung 61,3 % der 364 Patienten erfasst wurden, nahmen noch 56,3 % an der zweiten Katamnese teil. Knapp 70 % der Patienten beteiligten sich an wenigstens einer der beiden Nachbefragungen.

Ergebnisse

Insgesamt zeigten die beiden Nacherhebungen erstaunlich positive Ergebnisse. Dies betrifft nicht nur subjektive Merkmale (z. B. Einschätzung der Beschwerdenbesserung, Leistungsfähigkeit, soziale Beziehungen), sondern auch die untersuchten kostenrelevanten Kriterien (wenngleich sich gerade hier im Vergleich zur ersten Nacherhebung deutliche "Abschwächungseffekte" zeigen; vgl. nachfolgende Beispiele).

Krankschreibungstage: In beiden 12-Monats-Beobachtungszeiträumen nach der Behandlung (POST1 und POST2) ergaben sich signifikante Reduktionen gegenüber dem 12-Monats-Zeitraum vor der Behandlung (PRÄ), wobei im Schnitt ein deutlicher Wiederanstieg von POST1 zu POST2 erkennbar war. Wiesen die untersuchten Patienten im 12-Monats-Zeitraum vor der Behandlung im Durchschnitt 57,7 AU - Tage auf, so reduzierten sich diese im 12-Monats-Zeitraum unmittelbar nach der Heilbehandlung hochsignifikant auf 27,5 Tage (Reduktion von 52 %) und immer noch signifikant auf durchschnittlich 38,5 Tage (Reduktion von 33 % gegenüber PRÄ) im zweiten katamnestischen Beobachtungszeitraum.

Medikamentenkonsum: Es zeigte sich, dass 2/3 der Patienten, die im 12-Monats-Zeitraum vor der Heilbehandlung zeitweise oder regelmäßig Medikamente eingenommen hatten, im 12-Monats-Zeitraum unmittelbar nach der Heilbehandlung diesbezüglich eine Reduktion angaben. Auch hier zeigte sich jedoch eine Nivellierung im zweiten katamnestischen Beobachtungszeitraum (POST2): Hier sprachen weniger Patienten, aber immerhin noch über 50% der vormals Konsumenten von einer Reduktion ihres Medikamentenkonsums.

Bedeutung für die Praxis

Die Zauberberg-Studie liefert deutliche Anhaltspunkte dafür, dass durch die psychosomatisch-psychotherapeutischen Heilbehandlungen wichtige - über eine Symptombesserung hinausgehende - Reifeprozesse initiiert werden können, die sich einerseits im kognitiven und emotionalen Bereich, andererseits auch auf der Verhaltensebene niederzuschlagen scheinen. Einstellungsänderungen gegenüber sich selbst, eine veränderte Sichtweise der eigenen Beschwerden, ein anderer Umgang mit Menschen und ein verändertes Gesundheitsverhalten werden angeregt und - zumindest teilweise - auch praktisch umgesetzt. Die Ergebnisse der Zauberberg-Studie sprechen dafür, dass derartige stationäre Heilverfahren im Sinne einer "Hilfe zur Selbsthilfe" und Stärkung der Eigenverantwortung einen wichtigen Beitrag in der Rehabilitationskette leisten können. Angesichts der relativ kurzen stationären Behandlungsdauer und der vielfach ungünstigen Patientencharakteristika, die für psychosomatische Fachkliniken typisch sind, können die Befunde insgesamt als motivierend für den Behandlungsauftrag solcher Einrichtungen angesehen werden.

Publikationen

Bernhard, P; Schmidt, J; Lamprecht, F (1987): Stationäre Psychotherapie: Grenzen und Möglichkeiten. In: Lamprecht, F. (Hrsg.): Spezialisierung und Integration in Psychosomatik und Psychotherapie. Berlin: Springer,  S.391-398.
Lamprecht, F; Schmidt, J (1990): Das Zauberberg-Projekt: Zwischen Verzauberung und Ernüchterung. In: Ahrens, S (Hrsg.): Entwicklung und Perspektiven der Psychosomatik in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin etc, Springer, S.97-115.
Lamprecht, F; Schmidt, J; Bernhard, P (1990): Psychosomatic rehabilitacion: A "must" in secondary health Care. Rev. Chil. Neuro-Psiquiat., 28, 1990, 71-76.
Lamprecht, F; Schmidt, J; Bernhard, P (1987): Stationäre Psychotherapie: Kurz- und Langzeiteffekte. In: Quint, H; Janssen, PL (Hrsg.): Psychotherapie in der psychosomatischen Medizin. Berlin etc., Springer, S.149-155.
Lamprecht, F; Schmidt, J; Bernhard, P (1987): Psychosomatische Heilverfahren:   Was ändert sich beim Patienten ? In: Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation BAR (Hrsg.): Rehabilitation - Herausforderung an alle. Dortmund, Verlag Modernes Lernen, S.352-354.
Schmidt, J (1991): Evaluation einer psychosomatischen Klinik. Frankfurt, Verlag für Akademische Schriften VAS.
Schmidt, J; Lamprecht, F; Bernhard, P; Nübling, R (1989): Zur Nachgeschichte stationär psychosomatisch behandelter Patienten. Erste Ergebnisse einer Dreijahreskatamnese. In: Speidel, H; Strauß, B (Hrsg.): Zukunftsaufgaben der psychosomatischen Medizin. Berlin etc, Springer, S.432-444.
Schmidt, J (1988): Evaluation einer psychoanalytisch orientierten Klinik für psychosomatische Erkrankungen. In: Lösel, F; Skowronek, H (Hrsg.): Beiträge der Psychologie zu politischen Planungs- und Entscheidungsprozessen. Weinheim: Deutscher Studien Verlag, S.118-122.
Schmidt, J; Bernhard, P; Wittmann, WW; Lamprecht, F (1987): Die Unterscheidung zwischen singulären und multiplen Ergebniskriterien. Ein Beitrag zur Kriterienproblematik in der Evaluation. In: Lamprecht, F (Hrsg.): Spezialisierung und Integration in Psychosomatik und Psychotherapie. Berlin etc., Springer, S.293-299.

Publikationen

Bernhard, P; Schmidt, J; Lamprecht, F (1987): Stationäre Psychotherapie: Grenzen und Möglichkeiten. In: Lamprecht, F. (Hrsg.): Spezialisierung und Integration in Psychosomatik und Psychotherapie. Berlin: Springer,  S.391-398.

Lamprecht, F; Schmidt, J (1990): Das Zauberberg-Projekt: Zwischen Verzauberung und Ernüchterung. In: Ahrens, S (Hsg): Entwicklung und Perspektiven der Psychosomatik in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin etc, Springer, 97-115.

Lamprecht, F; Schmidt, J; Bernhard, P: Psychosomatic rehabilitacion: A "must" in secondary health Care. Rev. Chil. Neuro-Psiquiat., 28, 1990, 71-76.

Lamprecht, F; Schmidt, J; Bernhard, P (1987): Stationäre Psychotherapie: Kurz- und Langzeiteffekte. In: Quint, H; Janssen, PL (Hsg): Psychotherapie in der psychosomatischen Medizin. Berlin etc., Springer, 149-155.

Lamprecht, F; Schmidt, J; Bernhard, P (1987): Psychosomatische Heilverfahren: Was ändert sich beim Patienten ? In: Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation BAR (Hsg): Rehabilitation - Herausforderung an alle. Dortmund, Verlag Modernes Lernen, 352-354.

Schmidt, J (1991): Evaluation einer psychosomatischen Klinik. Frankfurt, Verlag für Akademische Schriften VAS.

Schmidt, J; Lamprecht, F; Bernhard, P; Nübling, R (1989): Zur Nachgeschichte stationär psychosomatisch behandelter Patienten. Erste Ergebnisse einer Dreijahreskatamnese. In: Speidel, H; Strauß, B (Hsg): Zukunftsaufgaben der psychosomatischen Medizin. Berlin etc, Springer, 432-444.

Schmidt, J (1988): Evaluation einer psychoanalytisch orientierten Klinik für psychosomatische Erkrankungen. In: Lösel, F; Skowronek, H (Hrsg.): Beiträge der Psychologie zu politischen Planungs- und Entscheidungsprozessen. Weinheim: Deutscher Studien Verlag, S.118-122.

Schmidt, J; Bernhard, P; Wittmann, WW; Lamprecht, F (1987): Die Unterscheidung zwischen singulären und multiplen Ergebniskriterien. Ein Beitrag zur Kriterienproblematik in der Evaluation. In: Lamprecht, F (Hsg): Spezialisierung und Integration in Psychosomatik und Psychotherapie. Berlin etc., Springer, 293-299.