Metaanalyse der Effekte stationärer psychosomatischer Rehabilitation

Förderrahmen: Förderschwerpunkt Rehabilitationswissenschaften des BMBF und des VDR

Förderer: BMBF

Projektleiter: Dr. Christoph Löschmann (eqs-Institut Hamburg), Dr. Jürgen Schmidt (GfQG, früher eqs.-Institut), Prof. Dr. Werner W. Wittmann (Univ. Mannheim, Lehrstuhl Psychologie II), Dr. Rüdiger Nübling (GfQG, früher eqs-Institut Karlsruhe),

Projektleiter-EMail: loeschmann@eqs-institut.de, schmidt@gfqg.de, www@tnt-uni-mannheim.de, nuebling@gfqg.de

Mitarbeiter: Andrés Steffanowski, Christina Huber, Martin M. Mayer

Laufzeit: 01.07.2002 - 30.06.2004

Indikationen: Psychosomatik/Psychiatrie/Sucht

Themen: Effektivität, Metaanalyse

Hintergrund

Die stationäre psychosomatische Rehabilitation kann als eines der am umfangreichsten beforschten Gebiete innerhalb der medizinischen Rehabilitation Deutschlands angesehen werden. In den vergangenen 20 Jahren wurde eine Vielzahl von Studien, davon mehrere umfassende Programmevaluationsstudien an größeren Patientenstichproben, durchgeführt, die insbesondere die Effektivität der Behandlungen zum Gegenstand hatten. Die meisten dieser Studien basieren auf naturalistischen Forschungsdesigns, während experimentelle bzw. quasi-experimentelle Studien mit Kontroll- oder Vergleichsgruppen weitgehend fehlen. Untersucht wurden in der Regel diagnostisch heterogene Patientengruppen im Längsschnittverlauf mit Datenerhebungen an mehreren Messzeitpunkten (zumeist 3, davon ein Follow-up). Unter Einbeziehung unterschiedlicher Datenquellen (Selbstangaben der Patienten, Fremdbeurteilungen etc.) wurde meist ein Bündel von Ergebnis- oder Zielkriterien erhoben.

Trotz der relativen Vielzahl von Effektivitätsstudien bestand ein wesentliches Forschungsdefizit bislang darin, dass keine Integration der zahlreichen Einzelbefunde vorlag. Es besteht weitgehender Konsens darüber, dass zur zuverlässigen Abschätzung der Effektivität von Interventionen die Befunde von Einzelstudien systematisch sekundäranalytisch integriert bzw. synthetisiert werden müssen (Strauß & Wittmann, 1997; Farin, 1997). Die systematischste und inzwischen häufigste Form solcher Sekundär-Analysen ist die Meta-Analyse (Beelmann & Bliesener, 1994, Wittmann & Matt, 1986a). In Meta-Analysen werden die Ergebnisse mehrerer, oft sehr vieler empirischer Studien eines gemeinsamen Forschungsge-bietes zusammenfassend beurteilt. Als metaanalytische Methoden können alle systematischen, auf die quantitative Integration und Kumulation von empirischen Forschungsergebnissen ausgerichteten Verfahrensweisen bezeichnet werden (Süss, 1995). Durch sie lässt sich einerseits der status quo eines Forschungsfeldes zusammenfassend charakterisieren und z.B. die damit verbundenen Nutzenaussagen auf ein breites wissenschaftliches Fundament stellen. Sie liefern damit auch eine wichtige Grundlage für eine evidenzbasierte Rehabilitationsmedizin (vgl. Antes, Rüther & Kleijnen, 1996). Andererseits können über die Ergebnisse von Meta-Analysen bestehende Forschungsdefizite aufgedeckt und z.B. Standards für künftige Studien formuliert werden.

Zwischen Juli 2002 und April 2005 wurde die Studie „Meta-Analyse der Effekte stationärer psychosomatischer Rehabilitation“, kurz MESTA-Studie als Projekt des Rehabilitationswissenschaftlichen Forschungsverbundes Freiburg / Bad Säckingen (Förderschwerpunkt "Rehabilitationswissenschaften" der Deutschen Rentenversicherung und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgeführt. Mit ihr liegt nun erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme zur Ergebnisqualität stationärer psychosomatischer bzw. psychotherapeutischer Rehabilitationsbehandlungen vor.

Ziele und Fragestellungen

Überprüft wurde die Effektivität stationärer psychosomatischer Rehabilitation. Ziel der Analyse war, durch Effektstärkeberechnungen einen Vergleich zu den berichteten Effektstärken aus der Psychotherapieeffektforschung herzustellen. Identifiziert werden sollten darüber hinaus Faktoren, welche die Effektstärken moderieren. Dies könnte Patientenmerkmale, Art der Behandlung, Behandlungsdauer, Zeitpunkt der posttherapeutischen Effektmessung, methodische Qualität der Studien sowie die Art der Effektstärkenberechnung beinhalten.

Studiendesign

Die Metaanalyse wurde in Anlehnung an das Ablaufschema von Cooper (1982, 1984) durchgeführt. Die einbezogenen Studien stammen vorwiegend aus der realen praktischen Versorgung und sind daher meist naturalistisch angelegt. Als Einschlusskriterium wurde als Mindestanforderung das Vorliegen wenigstens einer Kontrollbedingung vorausgesetzt. Dies kann entweder ein Prä-Test oder eine Vergleichsgruppe sein. Es wurde ein ausführliches Kodiersystem zu Studienmerkmalen und zu den Qualitätsmerkmalen interne, statistische Schlussfolgerungsvalidität, externe und Konstruktvalidität entwickelt und eingesetzt

Ergebnisse

In die Meta-Analyse gingen insgesamt 65 Studien mit insgesamt über 25.000 Patienten ein, deren mittlere Behandlungseffekte (Effektstärken) über alle Studien und Ergebnismaße zwischen d=0,51 (Entlassungszeitpunkt) und d=0,41 (1-Jahres-Katamnese) liegen. Betrachtet man nur Patienten spezifischer Störungsbereiche (z.B. depressive Patienten) bei Verwendung störungsspezifischer Messinstrumente (z.B. Depressionsskala), dann liegen die Effekte bei d=1,07 (Entlassung) und d=0,76 (1-Jahres-Katamnese). Bei den Prädiktoren der Behandlungsergebnisse kommt v.a. der stationären Behandlungsdauer eine große Bedeutung in dem Sinne zu, dass längere Behandlungen zu besseren Outcomes führen. Gesundheitsökonomisch kann von einer Kosten-Nutzen-Relation von bis zu 1:4 ausgegangen werden, der gesamtgesellschaftliche Nutzen der jährlich etwa 100.000 Behandlungen liegt bei über 3 Milliarden € pro therapiertem Patientenjahrgang. Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass die Rehabilitation psychischer und psychosomatischer Erkrankungen ein hohes Mass an Effektivität und auch Effizienz aufweist, was bei den nach wie vor zu hohen Chronifizierungsraten sowie der Zunahme psychischer Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung die aktuelle und v.a. auch die künftige Bedeutung dieses wichtigen Versorgungszweigs hervorhebt.

Publikationen

Huber, C., Steffanowski, A., Löschmann, C., Nübling, R., Schmidt, J., Mayer, M.M. & Wittmann, W.W. (2004). Metaanlyse der Effekte stationärer psychosomatischer Rehabilitation. DRV-Schriften, Band 52 (S. 535- 537). Frankfurt: VDR.

Löschmann, C., Steffanowski, A., Schmidt, J., Wittmann, W.W., Nübling, R. (2005). Evidenz stationärer psychosomatischer Rehabilitation - Ergebnisse der MESTA-Studie. DRV-Schriften, Band 59 (S. 438-440). Frankfurt: VDR.

Nübling, R. & Schmidt, J. (2000). Methodische Grundlagen der Ergebnisevaluation. In J. Bengel & U. Koch (Hrsg), Grundlagen der Rehabilitationswissenschaft (S. 324-346). Berlin: Springer

Steffanowski, A., Löschmann, C., Schmidt, J., Wittmann, W. W. & Nübling, R. (2007). Metaanalyse der Effekte stationärer psychosomatischer Rehabilitation. Bern, Huber.

Vorwort des Buches zum Download

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Nachwort des Buches zum Download

Mesta-Studie Nachwort 2007.pdf (102,3 KiB)