Bundesweite Befragung von Reha-Kliniken zu Qualitätsmanagement, Wirtschaftlichkeit und Forschung

Förderrahmen: private Finanzierung/Eigenfinanzierung

Projektleiter: Dr. Rüdiger Nübling (GfQG), Prof. Dr. Dietrich Bihr (SRH-Hochschule Calw)

Projektleiter-EMail: nuebling@gfqg.de

Laufzeit: 01.10.2006 - 30.06.2008

Themen: Qualitätsmanagement, Umsetzung in Rehabilitation, Betriebswirtschaftlicher Nutzen von Reha-Forschung und QM

Hintergrund

Die vergangenen zwei Dekaden sind durch eine beträchtliche Steigerung rehabilitationswissenschaftlichen Engagements gekennzeichnet, die v.a. durch die Forschungsförderung durch BMBF und die Rentenversicherung ihren größten Schub erfahren hat. Das noch von der Rehakommission beklagte Nichtvorhandensein einer „kritischen Masse“ (Gerdes, 1988, VDR, 1992) kann heute sicher nicht mehr konstatiert werden. An vielen Orten bzw. in vielen Regionen der Reha-Landschaft hat sich eine, zwar meist von universitären Institutionen geführte, aber in der Praxis verankerte Reha-Forschung entwickelt. Neben und auch schon vor der öffentlichen Förderung haben einige Träger bzw. einzelne Kliniken nicht unbeträchtliche Summen aus eigenen Mitteln in die Reha-Forschung investiert. Demgegenüber wird vielfach kritisiert (z.B. Jäckel & Farin, 2004; Plenardiskussion VDR-Kongress Hannover 2005), dass diese Investitionen die Belegung bzw. das wirtschaftliche (Über-)Leben nicht oder nicht genügend absichern.

Das Thema Qualitätssicherung(QS)/Qualitätsmanagement(QM) prägt seit seiner gesetzlichen Verankerung wie kaum ein anderes die Situation in bundesdeutschen Rehabilitationskliniken. In SGB V und SGB IX wird neben der Qualität der zu erbringenden Leistungen immer auch deren Wirtschaftlichkeit gefordert (Bihr et al., 2006). Demgegenüber wird der betriebswirtschaftliche Nutzen von QM-Maßnahmen kontrovers diskutiert (Bruhn & Georgi, 1999), für einen Zusammenhang zwischen Qualität und Wirtschaftlichkeit gibt es bislang kaum empirische Belege. Eine der wenigen internationalen Arbeiten haben Singhal & Hendricks (1999) vorgelegt, die den Nutzen von QM über „harte“ betriebswirtschaftliche Daten aufzeigen konnten.

Ziele und Fragestellungen

In einer von der GfQG gemeinsam mit dem Fachbereich I der SRH Hochschule Calw (Leiter: Prof. Dr. D. Bihr) durchgeführten Studie wird diese Fragestellung aufgegriffen und erstmals für den Bereich der stationären medizinischen Rehabilitation versucht, expertenbasierte, empirische Antworten darauf zu finden.

Methodik

Über eine postalische Befragung wurden die Erfahrungen der Klinikmanager/innen bzw. Verwaltungsleiter/innen der Rehakliniken Deutschlands herangezogen werden. Neben der Achse Qualität und Wirtschaftlichkeit wird darüber hinaus untersucht, ob sich aus Sicht der Klinikmanager Investitionen in (Rehabilitations-)Forschung in Bezug auf Qualität und Wirtschaftlichkeit lohnen.

Für die Durchführung der Studie wurden zunächst alle gelisteten stationären Rehabilitationseinrichtungen einer aktuellen Klinikdatenbank (www.rehakliniken.de) herangezogen und angeschrieben (n=956). Hierzu wurde ein spezieller, insgesamt 8 Seiten umfassender Fragebogen entwickelt, der u.a. folgende Bereiche erfragt:

  • Einsatz von betriebswirtschaftlichen Instrumenten (z. B. Finanzplan, Kostenstellenrechnung, monetäre Zielvereinbarungen mit leitenden Mitarbeitern, Standortanalysen, Benchmarking mit Wettbewerbern)
  • Einführung/derzeitiger Stand des klinikinternen QMs
  • Grundsätzliche Einstellung zu Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement)
  • Realisierung einer "aktiven" Reha-Forschung und fachwissenschaftliche Präsenz
  • Entwicklung wesentlicher betriebswirtschaftlicher Kennzahlen (u.a. Bettenzahl, Bettenbelegung, Umsatz) zwischen 2003 und 2005)
  • Zukunftsprognosen für die eigene Klinik)

Ergebnisse

Stichprobe: Von den n=956 angeschriebenen Einrichtungen antworteten n= 182 (19,0%). Insgesamt n=10 Einrichtungen waren zum Zeitpunkt der Befragung nicht mehr in Betrieb, n=30 wurden im Nachhinein als primär akutmedizinische Krankhäuser identifiziert, die in der Datenbank deshalb gelistet waren, weil sie über eine Reha-Abteilung verfügten. Weitere n=64 Einrichtungen verfügten gemeinsam mit anderen Kliniken gleicher Trägerschaft und/oder gleichem Standort über ein zentrales Management, sodass sich die Grundgesamtheit auf n=852 Einrichtungen bzw. Klinikmanager reduzierte (Rücklaufquote 21,5%). Bzgl. der Indikationsbereiche waren am häufigsten Kliniken mit orthopädischer Indikation (52,6%) vertreten, gefolgt von Psychosomatik (34,6%), Kardiologie, Pneumologie und Dermatologie (je 17,9%) und Neurologie (16,5%). Die überwiegende Mehrzahl der Kliniken war in privater (62%), jeweils etwa 10% in konfessioneller oder „sonstiger“ Trägerschaft und bei etwa 15% handelte es sich um rentenversicherungseigene Kliniken. Die durchschnittliche Bettenzahl bei 199, die jährliche Auslastung bei 84% und der durchschnittliche Umsatz 7,3 Millionen €.

Betriebswirtschaftliche Instrumente: Als betriebswirtschaftliche Instrumente werden am häufigsten eingesetzt: Finanzplan, kontinuierlicher Soll-Ist-Vergleich oder Organigramm (je 97%), am wenigsten hingegen Balanced Score Card (30%), monetäre Anreiz- (38%) bzw. leistungsbezogene Vergütungssysteme (40%) oder monetäre Zielvereinbarungen (47%). 40% der Klinikmanager gaben an, dass ein QM-System vollumfänglich (weitere 30% „weitgehend“) eingeführt sei. Die Mehrheit ist der Meinung, dass durch QM die Behandlungsergebnisse (83%) oder die Patientenzufriedenheit (86%), aber auch die interne Kommunikation (85%) verbessert werden kann. Demgegenüber wird kritisch angemerkt, dass QM zu einem höheren Verwaltungsaufwand führe (75%) und die QM-Investitionen in keinem Verhältnis zum Ergebnis stünden (37%). Nur 31% sehen einen positiven Einfluss von QM auf die Behandlungsergebnisse.

Rehaforschung und wirtschaftliches Ergebnis: Insgesamt gaben etwa 44% der befragten Klinikmanager an, dass an ihrer Klinik aktiv Rehabilitationsforschung betrieben wird, dies im Schnitt seit 1995 (1967-2006). Dabei war etwa 1/5 federführend an einem Projekt des Förderschwerpunkts Rehabilitationswissenschaften beteiligt, weitere knapp 50% war als (passiver) Kooperationspartner im Rahmen von Datenerhebungen an einem der Projekte beteiligt. Darüber hinaus gaben etwa ein Drittel der Kliniken an, (auch) an anderen Projekten mitgewirkt zu haben. Bzgl. der fachwissenschaftlichen Präsenz gaben ca. 48%, in den vergangenen 2 Jahren durch Vorträge an Kongressen beteiligt gewesen zu sein (durchschnittlich 22,7 Vorträge). Etwa. 30% der Kliniken haben ihre Ergebnisse auch in Fachzeitschriften oder Readern publiziert (etwa 9 Arbeiten in 2 Jahren). Fast alle Befragten (95%) waren der Meinung, dass Reha-Forschung der Weiterentwicklung der Rehabilitation dient, ca. 75% nutzen diese zur Verbesserung ihrer Behandlungskonzepte und für etwas mehr als die Hälfte bringt sie auch besseres Image und Vernetzung. Demgegenüber sind nur etwa 15% der Auffassung, dass die in Forschung investierten Kosten z.B. durch bessere Belegung der Klinken belohnt werden.

Zusammenhang Bettenbelegung und Umsatz: es bestehen – entgegen der subjektiven Auffassung der Klinikmanager – deutlich positive Zusammenhänge zwischen Forschungsbemühungen und durchschnittlicher Belegung und Umsatz, v.a. wenn die Klinik selbst aktiv Forschung betreibt, wenn als sie Kooperationspartner bei anderen Forschungsvorhaben beteiligt war (Vernetzung mit Universitäten) und wenn sie die Ergebnisse ihrer Arbeiten auch fachwissenschaftlich publiziert (Vorzeichen polungsbedingt).

QM und wirtschaftliches Ergebnis: Direkt zum Zusammenhang zwischen QM und Wirtschaftlichkeit befragt, gehen nur ca. 13% der Klinikmanager davon aus, dass sich beides ausschließt. Die Mehrheit (72%) ist der Auffassung, dass QM das wirtschaftliche Überleben sichert. Hinsichtlich des Ertrags der Klinik sehen die meisten eine kurzfristige starke Belastung der Klinik (66%), der sich aber mittel und langfristig auszahlt (88%). Betrachtet man die Zusammenhänge einzelner betriebswirtschaftlicher Instrumente und QM-Parametern mit harten betriebswirtschaftlich relevanten Faktoren wie Belegung oder Umsatz, so zeigen sich u.a. folgende Ergebnisse:

  • schwacher, aber signifikanter Zusammenhang u.a. zwischen QM-Einführungsgrad (.24), betriebswirtschaftlicher Mitarbeiterschulung (.24), nicht-monetären Zielvereinbarungen (.26) und der Belegung sowie zwischen Zertifizierungsgrad (.28) oder Benchmarking mit anderen Kliniken (.26) und dem Umsatz
  • mittlere Zusammenhänge zwischen qualitätsverbesserungsorientierter Begründung für die QM-Einführung (-.33) und der Bettenbelegung sowie die Einschätzungen, dass QM die Mitarbeitereinbeziehung fördert (.32), zur Verbesserung von Patientenzufriedenheit führt (.31) oder das Qualitätsbewusstsein der Mitarbeiter erhöht (.39) und dem Umsatz

Publikationen

Bihr, D., Nübling, R. & Schmidt, J. (2007). Zum Verhältnis von Qualität-(smanagement) und Wirtschaftlichkeit in der medizinischen Rehabilitation – Erste Ergebnisse einer bundesweiten Befragung des Klinikmanagements. DRV-Schriften, Band 72 (S. 186-188). Frankfurt: Deutsche Rentenversicherung Bund.

Nübling, R., Bihr, D. & Schmidt, J. (2007). Betriebswirtschaftlicher Nutzen von Reha-Forschung aus Sicht des Klinikmanagements – Erste Ergebnisse einer bundesweiten Befragung. DRV-Schriften, Band 72 (S. 78-80). Frankfurt: Deutsche Rentenversicherung Bund.