Behandlungsergebnisse orthopädischer und kardiologischer Rehabilitation - Katamnestische Befragung von Patienten der Drei-Burgen-Klinik Bad Münster am Stein

Förderrahmen: von der DRV-Rheinland-Pfalz gefördertes Projekt

Projektleiter: Dr. Jürgen Schmidt (GfQG), Dr. Rüdiger Nübling (GfQG), Dr. Michael Keck (Drei-Burgen-Klinik Bad Münster)

Projektleiter-EMail: schmidt@gfqg.de, nuebling@gfqg.de

Laufzeit: 01.10.2006 - 30.06.2008

Indikationen: Kardiologie, Orthopädie

Themen: Ergebnisqualität, Katamnese,

Hintergrund

Die Verfügbarkeit aktueller Behandlungsergebnisse kann als ein wesentlicher Indikator für die Qualität einer Rehabilitationsklinik angesehen werden. Die kontinuierliche oder wiederholte überprüfung der Ergebnisqualität der durchgeführten Behandlungen stellt eine Voraussetzung für ein funktionierendes Qualitätsmanagement dar. Dabei sollte der Outcome nicht nur am Behandlungsende, sondern – zumindest punktuell – auch in einem ausreichenden Abstand dazu gemessen werden (Katamnesen). Während katamnestische Befragungen meist im Rahmen von umfassenden Programmevaluationsstudien mit mehreren Messzeitpunkten realisiert werden, können sie auch wertvolle Informationen in Form von Ein-Punkt-Erhebungen liefern. Wie in einem kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojekt gezeigt werden konnte (Schmidt, Steffanowski, Nübling, Lichtenberg & Wittmann, 2003), führen solche deutlich ökonomischeren Datenerhebungen gegenüber den klassischen Mehrpunkt-Designs zu ähnlichen Ergebnissen.

Ziele und Fragestellungen

Wesentliches Ziel der vorliegenden Studie war die Erfassung von längerfristigen Behandlungsergebnissen im Anschluss an den Aufenthalt in der Drei-Burgen-Klinik, Bad Münster am Stein mittels einer Ein-Punkt-Erhebung unter Verwendung unterschiedlicher Kriterienberei-che.

Studiendesign/Methodik

Schriftliche Nachbefragung mittels eines Fragebogens (Ein-Punkt-Erhebung mit konstantem Katamnesezeitraum von 12 Monaten nach Entlassung aus der Klinik). Angeschrieben wurden alle ehemaligen Patienten eines definierten Behandlungszeitraumes. Eingesetzt wurde ein speziell entwickelter Katamnesefragebogen (KFB-3B), der auf einem bereits erprobten Katamnesefragebogen aus der sog. EQUA-Studie (Schmidt et al., 2003) basiert und der auf die spezifischen Belange und Fragestellungen der Drei-Burgen-Klinik angepasst und zugeschnitten wurde. Zur Erfassung von Veränderungen wurden Verfahren der direkten und quasi-indirekten Veränderungsmessung herangezogen, da im Rahmen von Einpunkterhebungen die klassische Form der Veränderungsmessung, die indirekte Veränderungsmessung, wegen fehlender Prä-Statusmessungen ausscheidet. Die sog. „quasi-indirekte“ Veränderungsmessung simuliert gewissermaßen die echte indirekte Veränderungsmessung, indem die Prä-Messungen retrospektiv nachgeholt werden und dadurch ebenfalls Prä-Post-Vergleiche ermöglicht werden (vgl. Schmidt et al. 2003, Nübling et al. 2004).

Der Nachbefragungsbogen KFB-3B umfasste insgesamt 20 Seiten und war in 5 Teile untergliedert. Tabelle 1 gibt einen überblick über die wesentlichen Inhaltsbereiche des Fragebogens. Zur Ermöglichung quasi-indirekter Veränderungsmessungen mittels wiederholter Statuserhebungen wurden in den KFB-3B auch die Fragebogenskalen IRES-24 und HADS integriert. Dabei wurden zur Messung des Prä-Zustandes (= Zustand vor der Reha) die jeweiligen Items dieser Skalen in geeigneter Form umformuliert.

Tabelle 1: Übersicht über Inhalte des KFB

Inhaltsbereiche Kurzbeschreibung

Allgemeine Angaben

soziodemographische Variablen, Angaben zur beruflichen und privaten Situation

Gesundheitszustand vor der Rehamaßnahme

Retrospektive Erfassung gesundheitlicher Aspekte in Form von Statusmessungen (allgemeine Befindlichkeit, Risikofaktoren, Einschränkung durch Gesundheitszustand, gesundheitliche Verfassung, Schmerzen, Schlafverhalten, Medikamentenkonsum, Angst und Depressivität, Beschwerden, Arbeitsfähigkeit)

Stationäre Rehabehandlung

Fragen zur Bewertung der damaligen Rehabehandlung, gesundheitliche Verfassung bei Entlassung, Therapiezielerreichung, Zufriedenheit mit Behandlungsergebnis

Derzeitiger Gesundheitszustand

Erfassung gesundheitlicher Aspekte zum Zeitpunkt der Nachbefragung in Form von Statusmessungen (allgemeine Befindlichkeit, Risikofaktoren, Einschränkung durch Gesundheitszustand, gesundheitliche Verfassung, Schmerzen, Schlafverhalten, Medikamentenkonsum, Angst und Depressivität, Beschwerden, Arbeitsfähigkeit

Nachgeschichte und Vorher-Nachher-Betrachtungen

Erlebte Veränderungen (direkte Veränderungseinstufungen bezüglich Gesundheitszustand, Beschwerden, Lebenszufriedenheit etc.); Erwerbstätigkeit, Krankschreibungen, Anzahl Arztbesuche, Krankenhauszeiten, Rentenantrag jeweils vorher – nachher; retrospektive Problemmarkierungen; direkte Veränderungsmessung relevanter Problembereiche; Dauer positiver Effekte; Veränderung des Gesundheitsverhaltens; Nach- und Weiterbehandlung; nachgeschichtliche Ereignisse; Gesamtbewertung der Reha / Nutzenbewertung

 

Ergebnisse

Allgemeine Angaben: Stichprobengröße N = 254. Stichprobencharakteristika: 75% Männer, Durchschnittsalter 53 Jahre, 75% mit Hauptschul-Abschluss, 65% erwerbstätig, 15% arbeitslos, 2/3 Arbeiter, ¼ Angestellte, 53 % Indikation Kardiologie, 47 % Orthopädie.
Gesundheitszustand vor Aufnahme: 70 % der Patienten beurteilten ihre Gesamtbefindlichkeit als eher schlecht oder schlecht. Risikofaktor Nr. 1 war aus Patientensicht „Stress und Hektik“ (90%), gefolgt von „übergewicht“ (70%) und „Bluthochdruck“ (65%). Als häufigste Probleme wurden genannt: „Kreuz- oder Rückenschmerzen“ (70%), „Nacken- oder Schulterschmerzen“ (63%), „Gelenkschmerzen“ (59%), „Müdigkeit/allgemeine Erschöpfung“ (54%) und „Belastung durch Beruf“ (52 %). 30% der Patienten benannten darüber hinaus „depressive Verstimmungen“, 25% „“Selbst-vertrauen / Selbstsicherheit“ und 20 % „Angstzustände“ als persönliche Problembereiche bezeichnet. Differentiell zeigten sich zum Teil deutliche Unterschiede zwischen den kardiologischen und orthopädischen Patienten.

Bewertung der stationären Reha-Maßnahme zum Zeitpunkt der Entlassung: 65% der Patienten waren mit dem Behandlungsergebnis zufrieden, 55% der Meinung, dass ihre persönlichen Therapieziele größtenteils erreicht worden sind. über 80% gaben an, dass in der Klinik viel Wert darauf gelegt wurde, die Reha-Ziele und -Maßnahmen mit den Patienten abzustimmen, 72%, dass sie Gelegenheit hatten, die für sie persönlich wichtigen Problembereiche zu bearbeiten. Fast 90% erlebten ärzte/Therapeuten als einfühlsam und verständnisvoll. 76 % empfanden die therapeutischen Maßnahmen als hilfreich, 74% hatten neue Erfahrungen gemacht, die sie im Alltag für sich nutzen konnten.

Bewertung der Reha zum Zeitpunkt der Nachbefragung: Zum Zeitpunkt der Nachbefragung waren 68% der Patienten mit dem Behandlungsergebnis zufrieden, 63% der Patienten waren der Meinung, dass die stationäre Reha in Bad Münster ihnen „einiges“ bzw. „sehr viel“ gebracht hatte. 43% bezeichnete das Anhalten der positiven Effekte als „eher langfristig“, für 47% waren sie „eher kurzfristig“. Das Gesundheitsverhalten (Lebensführung bezüglich Gesundheit, z. B. Ernährung, Alkohol, Rauchen, Sport treiben usw.) hatten 68% der befragten Patienten nach eigenen Angaben geändert. Insgesamt beurteilten 57% ihren Gesundheitszustand – verglichen mit dem Zustand vor der Reha - als gebessert.

Vorher-Nachher-Vergleiche (quasi-indirekte Veränderungsmessungen): Bzgl. der gesundheitlichen Gesamtverfassung (Allgemeinbefinden, Gesundheitszustand, körperliches Befinden, seelisches Befinden, Belastbarkeit, Arbeitsfähigkeit, Entspannungsfähigkeit, Ausgeglichenheit, Selbstvertrauen, Energie, Lebensfreude) ergaben sich deutliche Effekte zum Katamnesezeitpunkt im Vergleich zur Aufnahme im Sinne einer Verbesserung. Für die (subjektive erlebte) Arbeitsfähigkeit ergaben sich zum Nachbefragungszeitpunkt hochsignifikant günstigere Werte als für den Prä-Zustand (mittlere Effektstärke). Auch in den Skalen des IRES-24 und der HADS ergaben sich in der vorliegenden Studie jeweils hochsignifikante Mittelwertsunterschiede zwischen Prä und Post im Sinne einer Verbesserung, wobei allerdings die Effektgrößen als eher gering bis moderat eingeordnet werden müssen.

Hinsichtlich kostenrelevanter Variablen ergaben sich signifikante Veränderungen bzgl. der Krankschreibungen (Arbeitsunfähigkeit) und der vorzeitigen Berentungen. Beide Parameter stiegen im Post-Zeitraum allerdings an. Keine statistisch bedeutsamen Veränderungen zeigten sich hingegen bei den Arztbesuchen, beim Medikamentenkonsum und bei den Krankenhausaufenthaltszeiten.

Alle hier berichteten Vorher-Nachher-Vergleiche und die daraus resultierenden Effektgrößen basieren auf quasi-indirekten Veränderungsmessungen (qIIVM), bei denen jeweils die Prä-Ausprägungen retrospektiv im Rahmen der Katamneseerhebung „nacherhoben“ wurden. Die EQUA-Studie (Schmidt et al., 2003) konnte u.a. zeigen, dass a) retrospektiv erhobene Statuswerte im Durchschnitt hochsignifikant „schlechter“ bzw. „ungünstiger“ ausfallen als echte Prä-Statusmessungen (d.h. die Patienten schildern sich retrospektiv kränker als bei echten Statusmessungen vor der Reha) und b) die Effektgrößen aus der quasi-indirekten Veränderungsmessung (qIVM) deshalb vergleichsweise deutlich höher ausfallen als diejenigen aus der echten indirekten Veränderungsmessung (IVM; vgl. dazu Abbildung 47). Die im Rahmen dieser Studie ermittelten Effektgrößen müssen deshalb fairer weise entsprechend „nach unten“ korrigiert werden.

Nach- und Weiterbehandlung: Im Katamnesezeitraum hatten 90% der Patienten Möglichkeiten der Nach- bzw. Weiterbehandlung in Anspruch genommen. Hierbei wurde erwartungsgemäß die „haus- /fachärztliche Weiterbehandlung“ (73%) am häufigsten genutzt, gefolgt von „Krankengymnastik“ (34 %) und „Herzgruppe“ (17 %). Relativ selten genutzt (jeweils unter 5% Inanspruchnahme) wurden die Möglichkeiten „psychologische Beratung“, „Heilpraktiker“, erneute stationäre „Rehamaßnahme“ und „Selbsthilfegruppe (z. B. Rheumaliga“). Mehrheitlich waren die Patienten mit der Nach- bzw. Weiterbehandlung zufrieden (61%).

Publikationen

Schmidt, J., Nübling, R., Steffanowski, A., Kriz, D. & Keck, M. (2008): Behandlungsergebnisse orthopädischer und kardiologischer Rehabilitation - Eine katamnestische Befragung von Patienten der Drei-Burgen-Klinik Bad Münster am Stein. Unveröff. Ergebnisbericht, Karlsruhe/Bad Münster, Juli 2008.