Entwicklung und erste Erprobung eines innovativen Konzeptes zur Förderung von individuellen, erwerbsbezogenen Zielorientierungen in der Medizinischen Rehabilitation (FIEZ-Studie)

Finanzierung: öffentlich/DRV Rheinland-Pfalz

Projektleiter: Dr. Wolfgang Bürger (fbg), Dr. Rüdiger Nübling (GfQG)

Projektleiter-EMail: fbgbuerger@online.de; nuebling@gfqg.de

Laufzeit: 01.06.2010 - 30.03.2012

Themen: Medizinisch-berufliche Rehabilitation (MBOR), Konzeptentwicklung, Zielorientierung, Teamschulung

Hintergrund

Angesichts der erwerbsbezogenen Zielsetzung der Rehabilitation durch die Gesetzliche Rentenversicherung wurden schon früh Empfehlungen formuliert, bereits im Rahmen der Medizinischen Rehabilitation diagnostische und therapeutische Angebote zu implementieren, die sich auf berufliche Problemstellungen konzentrieren (Bürger 1997). Allerdings hat eine solche berufliche Orientierung bislang „nur unzureichend Eingang in den Klinikalltag gefunden“ (Egner, Schliehe, Streibelt 2011).

Zukünftig wird von allen Rehabilitationskliniken durch die Deutschen Rentenversicherungen belegten Einrichtungen gefordert, zumindest ein Basisangebot zur berufsbezogenen Diagnostik, zur Motivierung der Rehabilitanden für berufliche Fragestellungen sowie niedrigschwellige Information und Beratung zu beruflichen Problemstellungen anzubieten (Streibelt & Buschmann-Steinhage 2011). Dies ist gegenwärtig noch nicht Standard.

Im Rahmen des vorliegenden Projektes wird dieses Defizit aufgegriffen. Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie wurde ein Interventionsansatz entwickelt, der als berufsbezogenes Basisangebot für Rehabilitationskliniken indikationsübergreifend darauf abzielt, in den Kliniken eine solche Orientierung zu fördern. Dabei wird davon ausgegangen, dass die frühzeitige Erarbeitung individueller konkreter erwerbsbezogener Ziele (vgl. auch Gerlich, Neudert u. Botterbusch 2009, Hanna 2009) mit dem Rehabilitanden eine kognitive und motivationale Fokussierung des Rehabilitanden und auch des Rehabilitationsteams auf die erwerbsbezogene Zielsetzung der Rehabilitation unterstützt. So soll der gesamten nachfolgende Rehabilitationsprozess unter der Perspektive dieser Zielsetzungen besser wahrgenommen und genutzt werden.

Die Intervention ist im Stufenmodell der MBOR (vgl. Streibelt & Buschmann-Steinhage 2011) der Stufe A zuzuordnen und präzisiert aus Sicht der Autoren die entsprechenden Anforderungen im Sinne einer grundlegenden Ausrichtung der Ziele der Medizinischen Rehabilitation auf den erwerbsbezogenen Auftrag.

Hauptfragestellungen

Die Hauptfragestellungen waren:

  • Gelingt es, die berufsbezogene Ausrichtung bei Patienten und Mitarbeitern zu fördern?
  • Wie ist die Akzeptanz des berufsbezogenen Rehabilitationsangebotes der Klinik und wie wird es subjektiv von Patienten und Mitarbeitern bewertet?
  • Welche Effekte ergeben sich aus der Intervention im Hinblick auf die Wiedereingliederung bzw. subjektive Erwerbsprognose?
  • Wurden im Rahmen der Intervention mehr berufsbezogene Behandlungsmaßnahmen (KTL-Ziffern D und E) verordnet bzw. behandelt?
  • Welche allgemeinen bzw. gesundheitsbezogenen Behandlungsergebnisse lassen sich nachweisen und wie zufrieden sind die Patienten mit der Behandlung insgesamt?

Methodik

Von den beteiligten Forschungsinstituten wurde ein Interventionskonzept entwickelt, das in mehreren Entwicklungsschlaufen mit der DRV RLP und der Klinik im Hinblick auf Implementierbarkeit und Praktikabilität im Routineeinsatz angepasst wurde. Die Intervention sieht drei Bausteine vor: Im Rahmen eines Chefarztvortrages werden die Rehabilitanden bei Ankunft über die erwerbsbezogene Zielsetzung der Rehabilitation und das entsprechende Klinikkonzept informiert. Innerhalb der Aufnahmeuntersuchung erarbeitet der Arzt mit den Versicherten erwerbsbezogene Ziele und stimmt die Therapieempfehlungen dahingehend ab. Und schließlich erhalten solche Rehabilitanden ein ergänzendes Gruppenangebot zur präziseren Entwicklung erwerbsbezogener Ziele, bei denen hinsichtlich ihrer sozialmedizinischen Problemkonstellation von einem besonderen diesbezüglichen Bedarf ausgegangen werden kann.

Das Interventionskonzept wird in Form einer quasi-experimentellen Studie mit einer Vergleichsgruppe und 2 Meßzeitpunkten im Hinblick auf seine Wirksamkeit sowie auf seine Implementierbarkeit und Praktikabilität bewertet Dabei wurden Rehabilitanden und ihre behandelnden ärzte aus den beiden Indikationsbereichen Orthopädie und Kardiologie in die standardisierte Befragung einbezogen.

Ergebnisse

In die Studie einbezogen wurden Versicherte der DRV RLP die erwerbstätig und nicht älter als 63 Jahre sind. Es handelt sich um ein überwiegend männliches, gering qualifiziertes und sozialmedizinisch stark belastetes Untersuchungsklientel, das zu hohen Teilen arbeitsunfähig (mit mittleren Fehlzeiten von über 10 Wochen), sehr häufig (73%) mit Arbeitslosigkeitserfahrungen in den letzten 12 Monaten und mit subjektiv hoher Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit in die Klinik kommt.

Mit dem Projekt hat die DRV Rheinland-Pfalz die Entwicklung und eine erste überprüfung eines innovativen Interventionsangebotes gefördert, das der Forderung der Deutschen Rentenversicherung entspricht, zumindest ein Basisangebot zur berufsbezogenen Diagnostik, zur Motivierung der Rehabilitanden für berufliche Fragestellungen sowie niedrigschwellige Information und Beratung zu beruflichen Problemstellungen anzubieten.

Im Rahmen des vorliegenden Projektes wurde ein für alle Rehabilitationskliniken realisierbares ergänzendes Behandlungsangebot konzipiert, das diese grundlegende berufsbezogene Ausrichtung der Rehabilitation mithilfe von drei Interventionsbausteinen wie folgt fördern sollte. Leitgedanke der Intervention ist die Erwartung, dass eine frühzeitige Erarbeitung individueller konkreter erwerbsbezogener Ziele mit den Rehabilitanden zu Beginn der Medizinischen Rehabilitation eine kognitive und motivationale Fokussierung des Rehabilitanden und auch des Rehabilitationsteams auf die erwerbsbezogene Zielsetzung der Rehabilitation unterstützt. Damit soll die frühe Erarbeitung berufsbezogener Ziele helfen, den gesamten folgenden Rehabilitationsprozess unter der Perspektive der berufsbezogenen Zielsetzungen besser wahrzunehmen und nutzen zu können.

Insgesamt stieß der Interventionsansatz bei der Klinikleitung und den Mitarbeitern der verschiedenen Fachrichtungen auf sehr positive Resonanz. Die Ziele und das Vorgehen wurden für sinnvoll und notwendig erachtet und die Mitarbeiter und Klinikleitung waren auch bei den Diskussionen und Anpassungen des Interventionsansatzes an die konkreten Gegebenheiten der Klinikroutinen vor Ort engagiert beteiligt. Insofern ergaben sich deutliche Hinweise für eine grundsätzliche Akzeptanz des Interventionsansatzes.

Die Interviews mit Mitarbeitern und Rehabilitanden und auch die standardisierten Fragebogenerhebungen bei Rehabilitanden und ärzten stützen bei aller Vorsicht angesichts der schmalen Datenbasis, mehrheitlich die Erwartungen, dass der hier untersuchte Interventionsansatz dazu beiträgt, Rehabilitanden und Mitarbeiter stärker auf berufsbezogene Themen und Zielstellungen hin zu orientieren. Die Effekte sind im Hinblick auf die Fragebogenerhebung nicht durchgängig in allen einzelnen Fragen nachzuweisen, aber als Gesamttrend deutlich erkennbar. In den Interviews haben Rehabilitanden und Mitarbeiter das Interventionsangebot eindeutig positiv und als nützlich und sinnvoll bewertet. Die Ergebnisse der standardisierten Befragungen stützen dies, vor allem im Hinblick die Gruppensitzungen und die entsprechenden Informationsangebote.

Die Frage, ob es mithilfe des Interventionsangebotes gelingt, zu einer Verbesserung der Erwerbsprognose beizutragen, ist natürlich angesichts des begrenzten Studienansatzes einer Machbarkeitsstudie mit nur zwei Messzeitpunkten zu Beginn und am Ende der Rehabilitation nur sehr eingeschränkt zu beantworten. Die Einschätzungen der Versicherten deuten in jedem Fall darauf hin, dass es im Verlauf der Rehabilitation gelingt, die Selbsteinschätzungen ihrer beruflichen Leistungsfähigkeit und ihre subjektive Erwerbsprognose positiv zu beeinflussen. Hinsichtlich der Absichten, einen Frühberentungsantrag stellen zu wollen, scheint sich in der Interventionsgruppe im Unterschied zur Kontrollgruppe auch eine positive Veränderung im Sinne einer zurückgehenden Frühberentungsmotivation zu bestätigen.

Ein Kooperationsprojekt zwischen fbg – Forschung und Beratung im Gesundheitswesen Karlsruhe, GfQG – Gesellschaft für Qualität im Gesundheitswesen GbR, der Drei-Burgen-Klinik und der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz

Publikationen

Bürger, W., Nübling, R., Kriz, D. (2012). Entwicklung und erste Erprobung eines innovativen  Konzeptes zur Förderung von individuellen, erwerbsbezogenen Zielorientierungen in der Medizinischen Rehabilitation (FIEZ-Studie). Abschlussbericht. Karlsruhe, fbg und GfQG, 2012.

Bürger, W., Nübling, R., Kriz, D., Keck, M., Kulick, B. & Stapel, M. (2012). Erprobung eines innovativen Konzeptes zur Förderung von individuellen, erwerbsbezogenen Zielorientierungen in der Medizinischen Rehabilitation (FIEZ-Studie). DRV-Schriften, Band 98 (S. 194-197). Berlin: Deutsche Rentenversicherung Bund

Egner, U, Schliehe, F, Streibelt, M. MBOR – Ein Prozessmodell in der Medizinischen Rehabilitation. Rehabilitation 2011; 50, 143-144.

Gerlich C, Neuderth S., Botterbusch I. (2009). Einfluss von Shared-Decision-Making (SDM) auf die Motivation zur Bearbeitung beruflicher Problemlagen in der medizinischen Rehabilitation. Deutsche Rentenversicherung Bund (Hrsg.) Tagungsband des 18. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquiums vom 9.-11. März 2009 in Münster, DRV-Schriften 2009, Band 83, S. 64-65.

Hanna, R., Fiedler, R.G., Dietrich, H., Greitemann, B. & Heuft, G. (2009). Zielanalyse und Zieloperationalisierung (ZAZO): Evaluation eines Gruppentrainings zur Förderung beruflicher Motivation. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 59, 1-10.

Streibelt, M & Buschmann-Steinhage, R. (2011). Ein Anforderungsprofil zur Durchführung der medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation aus der Perspektive der gesetzlichen Rentenversicherung. Rehabilitation; 50, 160-167.